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Experten-Interview Juli 2017



Ich liebe einfach den Wettkampf, ich lasse mir nichts schenken! – Interview mit dem gehörlosen Ausnahmeathlet Christoph Bischlager

 

Vom 18. bis 30. Juli 2017 finden die 23. Deaflympics (aus engl. deaf, „taub“, und Olympics, „Olympische Spiele“) in Samsun/Türkei statt. Deutschland hat 101 Athleten in 14 Sportarten nominiert, darunter auch den mehrfachen Medaillengewinner Christoph Bischlager.

 

Christoph, an deinen wievielten Olympischen Spielen nimmst du diesmal teil?

Bischlager: Es ist bereits meine dritte Deaflympics Teilnahme nach Melbourne (2005) und Taipeh (2009).

 

Was ist das für ein Gefühl, nach so vielen Jahren noch immer dabei zu sein?

Ich bin schon immer ein Vollblut-Sportler gewesen. Daher will ich natürlich immer dabei sein und mitmachen. Dieses Gefühl gibt mir neue Impulse und Motivationen, es reizt mich die Konkurrenz, zu besiegen und mit starkem Wille das Unmögliche zu erreichen. Nach so vielen Jahren Leistungssport ist man, sowohl körperlich, wie auch mental gereifter. Das bringt viel Selbstvertrauen und Erfahrung, den man für einen kontrollierten Wettkampf braucht.

Innerlich will ich immer zu den Besten gehören und wenn ich bei den Besten mitmache, ist es ein super emotionales Gefühl! Und ich freue mich immer auf den Wettkampf! Da beginnt der Kampf um den Sieg und um die vorderen Plätze. Ich liebe einfach den Wettkampf und ich lasse mir nichts schenken!

 

In welchen Disziplinen startest du?

Diesmal werde ich bei den Deaflympics nur im Diskuswurf starten. Bei uns Leichtathleten ist es so, dass die Leichtathletiksparte die Normen vorlegt, diese werden vom DGS offiziell bestätigt bzw. veröffentlicht. Ca. 9 Monate vor den Deaflympics steht die Normliste fest, so können sich alle auf die Wettkämpfe vorbereiten und für die Normerfüllung trainieren. Die Kaderathleten können nur dann an den Deaflympics teilnehmen, wenn sie die geforderte Norm erfüllt haben.

Ich habe bereits im Herbst mit dem Aufbautraining begonnen, sehr viel Krafttraining gemacht um im Sommer Top-Weiten zu erzielen. Fast täglich habe ich trainiert, 2-4-mal die Woche Krafttraining und 2-3-mal Technik, Sprint und Athletik-Training.

Bei Beginn der Leichtathletik-Wettkämpfe im Mai habe ich bereits beim zweiten Wettkampf meine persönliche Bestleistung im Diskus mit zwei Ergebnissen verbessert, 41,76 m und 42,17 m (alte PB: 41,60 m aus dem Jahr 2016). Drei Wochen später steigerte ich auf 43,48 m und schrammte nur knapp am Deutschen Rekord von 43,64 m vorbei.

Wir haben A und B Normen, wobei bei A (45,00 m) einmal, bei B (44,00 m) zweimal zu erfüllen ist. Am Vatertag, dem 25. Mai, in Vöhringen ist im 3. Durchgang der Knoten geplatzt. 45,50 Meter!! Damit habe ich nach 28 Jahren den Deutschen Rekord geknackt. Gleichzeitig hatte ich die Deaflympics A-Norm erfüllt, persönliche Bestleistung und den Bayerischen Rekord geschafft! Es ist wirklich eine reine Nervensache mit dem Wettkampfdruck umzugehen und den Druck positiv umzusetzen. Bei vielen Wettkämpfen war ich schon im Bereich von 41-43 Meter. Vor 3 Wochen habe ich bei den Deutschen Meisterschaften mein „Wurf-Triple“ dann zum 7. Mal hintereinander verteidigt. Der Diskus flog auf 43,10 m.

 

Du gibst dich mit Gedanken wie „Dabei sein ist alles“ bestimmt nicht zufrieden und willst eine Medaille holen. Wie sehen die Chancen aus? Wer ist die Konkurrenz?

„Dabei sein ist alles“ - es ist schön, wenn man dabei sein kann. Aber für mich reicht das nicht! Man trainiert das ganze Jahr für die alle 4 Jahre stattfindenden Deaflympics, um den Höhepunkt dort zu erreichen. Natürlich will man eine Medaille nach Hause mitnehmen.

Man muss erst die Teilnehmerliste sehen, wer alles gemeldet ist und auch vor Ort tatsächlich da ist. Zuerst muss man die Qualifikation schaffen, um ins Finale einzuziehen. Und im Finale am nächsten Tag werden die Karten komplett neu gemischt. Alles muss passen. Nach 3 Würfen dürfen die besten 8 Werfer noch mal 3 weitere Würfe machen, die anderen scheiden aus.

Ich will ins Finale unter die besten 8 kommen, dann sehen wir weiter. Die Konkurrenten werden wahrscheinlich wieder die Sportler aus Russland, Litauen und Ukraine sein. Aber es gibt immer wieder auch neue Überraschungsgesichter aus anderen Ländern.

 

Was waren bisher deine größten internationalen Erfolge?

Bei der Leichtathletik WM 2008 in Izmir wurde ich im Zehnkampf-Weltmeister. Ebenfalls in 2008 wurde ich in Genua im Siebenkampf Halleneuropameister. Im Zehnkampf habe ich bei den Deaflympics in Melbourne (2005) den 3.Platz und in Taipeh (2009) den 4. Platz erreicht.

 

Hast du dich schon über Samsun informiert? Was erwartet die deutsche Olympiamannschaft dort? Was interessiert dich in Samsun am meisten?

Ich habe mir vor ein paar Tagen angeschaut, wo das Leichtathletikstadion und unser Hotel liegen. Ansonsten habe ich mich damit nicht weiter beschäftigt, da ich gar keine Zeit habe. Ich bin jeden Tag bis abends im Training und konzentriere mich voll auf den Sport. Im Vorfeld für die Qualifikation musste ich auch schon viel trainieren. Jetzt fokussiere ich mich auf meine Spiele in Samsun. Das ist jetzt das oberste Ziel.

Am meisten interessiert mich in Samsun, wie das nagelneue Leichtathletikstadion aussieht.

 

Du hast einen Vollzeitjob. Wie kannst du dich neben deiner Arbeit auf die Spiele vorbereiten?

Eine gute Frage! Ja, ich habe einen Vollzeitjob und gegen 17 Uhr habe ich erst Feierabend. Dann fahre ich gleich direkt ins Training und das jeden Tag! Ich gebe aber auch noch zweimal die Woche Leichtathletik-Training für den Nachwuchs beim GSV München. Anschließend habe ich noch für mich Training. Ich komme so gegen 20-21 Uhr nach Hause. Dann wird gegessen und manchmal muss ich noch Vereinsarbeit erledigen, erst dann kann ich entspannen und schlafen. Ab und zu trainiere ich auch an Wochenenden, wenn kein Wettkampf ist.

 

Welche Unterstützung bekommst du vom Deutschen Gehörlosen Sportverband (DGS)? Inwieweit muss du dich finanziell an der Olympia-Teilnahme beteiligen?

Vom DGS bekomme ich keine Unterstützung. Alle Leistungssportler müssen sogar die Nationalmannschaftslehrgänge sowie Nationalmannschaftstrainingslager selbst finanzieren! Wir Sportler müssen für den Lehrgang bzw. internationale Meisterschaft 15,00 € pro Tag selbst zahlen. Für die Deaflympics Teilnahme bezahlt jeder Sportler 500,00 €.

Hinzu kommen noch die Fahrtkosten zu Training und Wettkämpfen, die Kosten für Ausrüstung, Materialen usw. und viel Kraft und Zeit.

 

Was gab es bei den letzten Deaflympics, woran du dich besonders gern erinnerst?

Die letzten Deaflympics 2009 in Taipeh/Taiwan waren für mich bis jetzt die besten Deaflympics überhaupt. Die Organisation, die Medien, TV, Leute und die Atmosphäre waren unglaublich und professionell! Wenn ich schon daran denke, bekomme ich Gänsehaut! Man begegnet Sportlern und die Leuten aus aller Welt.

Ich bin gespannt, wie Samsun abschneidet. Nach diversen Gerüchten, will das OK-Team in Samsun Taipeh übertrumpfen. Da bin ich sehr gespannt! Ich muss es erstmal selber vor Ort sein, dann kann ich es beurteilen.

 

Jetzt kurz vor den Olympischen Spielen gab es gravierende Veränderungen in der Führungsetage des Deutschen Gehörlosen Sportverbandes (DGS)? Was ist deiner Meinung nach vorher schief gelaufen und was wünschst du dir von der neuen Führung?

Die letzten 4-5 Jahre gab es im DGS-Präsidium immer wieder Probleme, Chaos, unzuverlässige Arbeit, falsche Entscheidungen, kein sportart-spezifisches Fachwissen und vieles mehr, was wir nicht genau wissen, z.B. das Thema Geld. Der DGS behauptet oft und immer das Gleiche: „Wir haben kein Geld!“ bzw. vom BMI bekommen wir weniger Geld, so muss einiges gestrichen werden. Und obwohl der DGS bzw. die Sparte ein Jahr vor den internationalen Wettkämpfen Budgetplanung machen, beim BMI die Gelder beantragen müssen und meistens auch bekommen, was sie auch beantragen.

 

Zum Beispiel letztes Jahr bei der Hallen-EM in Polen wurden nur 3 Athleten nominiert, obwohl es ein Nachbarland ist, quasi einen Katzensprung entfernt. Der DGS hat gesagt, dass er kein Geld hat und die Flugkosten für 300 € pro Person nicht leisten kann. Als Alternative hätte man z.B. mit einem VW Bus der Sportförderung, z.B. von Wolfsburg aus oder mit dem Zug fahren können. Das wäre billiger gewesen und man hätte mehr Sportler mitnehmen können.

Oft sind auch mehr Funktionäre als Sportler im Team, was unnötig ist!

Was ich mir wünsche: 1. Professionelles Arbeiten, 2. Die richtige Förderung von Sportlern, 3. Fachlich kompetente Personen einsetzen, 4. Aufschwung und im TEAM zusammen arbeiten / aufbauen, für alle Leistungssportler jung & alt

 

Das war eine reine Talabfahrt – jetzt ist es gestoppt und muss wieder hinauf gearbeitet werden. Deutschland soll wachsen und stärker werden und nicht ins schwarze Loch schrumpfen. Viele andere Länder wundern sich, wieso Deutschland so wenig gehörlose Sportler zu den Wettkämpfen mitnimmt? Ich habe gesagt, laut DGS, steht zu wenig Geld zur Verfügung und es muss gespart werden. Alle haben große Augen gemacht. Wie kann das sein?

Deutschland ist ein reiches Land und im Vergleich zu anderen Ländern sollte es finanziell besser stehen. In anderen Ländern werden gehörlose Sportler mehr gefördert und bekommen dort viele Zuschüsse.

 

Und wie sieht es mit deinen Zukunftsplänen nach Samsun aus?

Ganz klar, ich mache natürlich weiter! Auf das Aufhören verschwende ich gar keine Gedanken. Ich bin vom Zehnkampf zum Werfer umgestiegen. Das ist passend für das Wurfalter und hat auch erst begonnen. Ich will noch weiter aufbauen und weitere Rekorde & Titel sammeln. Die nächsten internationalen Termine stehen auch schon in meinem Kalender:

2018 - Hallen EM in Gomel / Weißrussland

2019 - EM in Bochum-Wattenscheid

2020 - WM evtl. in Japan

2021 - Deaflympics evtl. in Japan

 

Ich will eines Tages als erster Gehörloser in Deutschland den Diskus über 50 Meter werfen! Den ersten Schritt in dieser Richtung habe ich schon getan und halte seit ein einigen Wochen den Deutschen Rekord im Diskuswurf mit 45,50 Metern.

Zudem will ich auch im Kugelstoßen den deutschen Hallen- und Freiluftrekord knacken.

 

 

Vielen Dank für das Interview und wir drücken dir und der deutschen Mannschaft fest die Daumen!

 

Text: Judit Nothdurft

Foto: @Copyright by Anton Schneid

 
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